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Die jüdischen Auswanderungen

Die Auswanderung der jüdischen Hürbener im 19. Jahrhundert.

Herbert Auer

1. Die politischen und wirtschaftlichen Einflüsse, die zur Auswanderungswelle der Juden führten.

Die jüdische Bevölkerung hatte zwar mit ähnlichen wirtschaftlichen Verhältnissen wie die christliche Bevölkerung zu Beginn des 19. Jh. zu kämpfen, doch waren die politischen Probleme, mit denen die Juden belastet wurden und die zum Teil noch aus dem Mittelalter stammten, etwas anders gelagert.

Deutsche Auswanderer im Hafen von HamburgMit der Schlacht von Austerlitz am 2. Dezember 1805 wurden die langen Jahre der drei Koalitionskriege zwischen Frankreich und Österreich und seinen Verbündeten beendet. Bereits am 20. Oktober 1805 wurde die österreichische Armee unter General von Mack vor Ulm vernichtend geschlagen, und Österreich musste am 26. Dezember 1805 im „Preßburger Frieden“ schwere Repressalien in Kauf nehmen. Napoleon musste als Kaiser von Frankreich und König von Italien anerkannt werden; große Landverluste waren mit dem Friedensschluss verbunden. So kamen Franken, Tirol und weite Teile von Vorderösterreich, zu denen auch die Markgrafschaft Burgau gehörte, zu dem jungen Königreich Bayern, das sich im 3. Koalitionskrieg auf die Seite Frankreichs geschlagen hatte.1

(Bildquelle: www.hamburg.de)

Mit Franken und Schwaben kamen zahlreiche jüdische Gemeinden zu Bayern, das bisher nur sehr wenige jüdische Untertanen, vor allem in Niederbayern und der Oberpfalz, besaß. Die Juden hatten viel in den neuen Frieden gesetzt und damit die Hoffnung auf die langersehnte Gleichberechtigung verbunden, wenngleich sie mit der Einverleibung am 1. März 1806 den gleichen Pflichten, so auch dem Auswanderverbot, unterworfen wurden. In der allgemeinen Zollverordnung vom 16. März 1808 wurde der Leibzoll der Juden abgeschafft und eine jährliche Gebühr von 20 Gulden für alle Familien eingeführt.2

Das am 24. März 1809 veröffentliche Edikt über die Rechtsverhältnisse der Einwohner in Bezug auf die Religion enthielt in Ziffer 1.1 § 2 den Satz: „Die Religionseigenschaft schließt niemand, weder von dem Genuß der bürgerlichen Privatrechte, noch von einem Staatsbürgerrecht aus.“ Dies hätte der Judenschaft in Franken und Schwaben die angestrebte Emanzipation bringen können, wenn nicht in § 29 dieses Recht schon wieder eingeschränkt worden wäre, denn dort hieß es: „Nichtchristliche Einwohner haben zwar völlige Gewissensfreiheit, als Religionsgesellschaft und in Beziehung auf das Staatsbürgerrecht sind sie aber nach den über ihre bürgerlichen Verhältnisse bestehenden besonderen Gesetze zu behandeln.“ 3
Selbst die größten Optimisten mußten mit den Bestimmungen über den Wirkungskreis der General - Kreis - Kommissariate vom 2. Okt. 1811 jegliche Hoffnung auf Emanzipation der Juden begraben, denn sie enthielten auch Anweisungen über Judenansiedlungen, wovon drei Punkte von besonderer Wichtigkeit für die Judenschaft in Bayern waren.

  1. Von allen Orten, wo keine Juden ansäßig sind, müssen alle neuen jüdischen Niederlassungen gänzlich ausgeschlossen bleiben.
  2. Wo schon Juden ansäßig sind, darf die Zahl der bestehenden Familien unter keinen Vorwänden vermehrt werden.
  3. Alle Bewilligungen zur Niederlassung und Verheiratung sind bedingt durch die Erlöschung einer Familie.

Die jüdische Familienzahl für Hürben wurde auf 84 festgelegt und war somit die höchste im Jllerkreis.4 Diese Beschränkungen wurden auch in das Edikt vom 10. Juni 1813 übernommen, selbst wenn andere Punkte, wie z.B. „der Besuch von öffentlichen Schulen“ vorsahen, dass die Juden zu „vollwerthigen Indiviedien“ im bayerischen Staatenverband ausgebildet werden sollten. Der jüdischen Bevölkerung blieb aber noch die Hoffnung, dass diese Bestimmungen auf dem Wiener Kongreß aufgehoben oder wenigstens gemildert werden, denn die Judenschaft von Lübeck, Berlin und Frankfurt stellte den Antrag auf Gleichstellung der Juden. Doch die Judenfrage war für den Kongreß nur von untergeordneter Bedeutung. Dieser Antrag wurde zwar von Österreich, Preußen und Hannover unterstützt, fand aber bei Bayern und Württemberg die erwartete harte Opposition. Der bayerische Delegierte Fürst Wrede schaffte es sogar, die Großmächte Preußen und Österreich zur Absetzung dieses Punktes von der Tagesordnung zu überreden. Als offizieller Grund wurde Zeitmangel angegeben, und so waren die Bestimmungen des Edikts von 1813 in Bayern weiter gültig.5

Die zahlreichen Revisionversuche wurden immer wieder negativ beschieden, ja selbst der König, der um Vermittlung gebeten wurde, spielte auf Zeit, denn der Kronprinz war ein strikter Gegner der Judenemanzipation. Durch die oft diffamierenden Aussagen der Kammerabgeordneten fühlten sich die Antisemiten in ihrem Kampf gegen das Judentum nicht nur bestätigt, sondern auch zum Handeln ermuntert. Dies schlug sich nicht nur in zahlreichen Karrikaturen und hetzerischem Schriftgut nieder, sondern besonders in Franken kam es zu immer heftigeren „Hep-Hep“-Ausschreitungen6, die von den Behörden als Bubenstreiche heruntergespielt wurden.7 Zwar griffen diese Ausschreitungen nicht nach Schwaben über, doch lebten die Juden auch hier in ständiger Angst.

All diese Entwicklungen, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die ständigen Behinderungen bei der Ausübung des Berufs trieben viele Juden, besonders solche die keine Aufnahme in die Matrikelliste fanden und so auch nicht heiraten konnten, außer Landes. Zuvor bemühte man sich um eine Matrikelnummer in einem anderen bayerischen Ort oder versuchte in eine Matrikelstelle einzuheiraten. Viele verlegten ihren Wohnort in andere europäische Länder, wo die Gleichstellung der Juden schon weiter vorangeschritten war. War diese Möglichkeit nicht gegeben, so versuchten die nicht aufgenommenen Juden nach Übersee auszuwandern.

2. Jüdische Bewohner von Hürben wandern nach Nordamerika aus.

Wann der erste Jude Hürben in Richtung Nordamerika verließ, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit festlegen. In den Auswanderungsakten des Bezirksamtes Krumbach ist die erste Auswanderung nach Nordamerika im Jahre 1839 verzeichnet, es handelt sich um die 1813 in Fischach geborene Dorlina Lieber, Stieftochter des Joachim Harburger, die mit ihrem Verlobten Isaak Alexander aus Hainsfarth nach Baltimore übersiedeln wollte.8 Mit einiger Sicherheit kann behauptet werden, dass dies aber nicht die erste Auswanderung sein kann, denn in der Auswandererakte9 von Samuel Guggenheimer aus Hürben aus dem Jahre 1846 wird als Zieladresse der Bruder Salomon in Lynchburg US-Staat Virginia angegeben, der bereits vor neun Jahren, also 1837 ausgewandert war. Der damalige Rabbiner Hajum Schwarz hat 1839 in einem Brief an Dr. Lilienthal in München die Struktur der jüdischen Gemeinde Hürben aufgezeichnet und dabei erwähnt, dass fünf Personen nach Amerika ausgewandert sind, nämlich vor zwei Jahren drei Jünglinge und im vorigen Monat zwei Mädchen.10 So dürfte auch hier das Jahr 1837 für die ersten Auswanderungen angenommen werden, denn die jüdischen Auswanderer mussten sich auch beim Rabbiner, der das Standesregister für die jüdische Gemeinde führte, abmelden.

Deutsche Emigranten gehen an Bord eines in die USA fahrenden
DampfersBetrachtet man die Altersstruktur der Auswanderer nach Amerika, so treten deutliche Unterschiede zwischen christlichen und jüdischen Auswanderern auf. Während sich bei der Auswanderung der Christen kaum ein Schwerpunkt in der Altersgruppe feststellen lässt, bis zu 61 Jahren suchten sie das Glück in Übersee, kristallisiert sich bei den Juden eine Altersgruppe ganz deutlich heraus. Die männlichen Auswanderer liegen vermehrt zwischen 15 und 20 Jahren, wobei die meisten vor der Militärpflichtigkeit, die ja schon mit 15 Jahren erreicht war, noch ihre Auswanderung beantragten. Einige legten auch Wert darauf, dass ihre Untauglichkeit für den Dienst in der königlichen Armee schon bald nach dem 15. Lebensjahr attestiert wurde und konnten dann ihre Auswanderung beantragen. Bei den weiblichen jüdischen Auswanderern erstreckt sich die Altersgruppierung von 15 bis 30 Jahren. Betrachtet man das Durchschnittsalter der Auswanderer, so liegt das der Juden wesentlich niedriger als das bei den Christen. Wenn wir aber die Kinder der zahlreichen christlichen Familien einrechnen, so würde auch das Durchschnittsalter wesentlich gesenkt werden, da bei den Juden nur wenige Familien mit Kindern den Weg in die Neue Welt wählten.11 Die Juden, die hier eine Familie gründen wollten, mussten zuerst die Ansässigmachung beantragen, die wiederum eine freie Matrikelnummer und eine einträgliche Tätigkeit voraussetzten, die eine Familie ernähren konnte. Zudem musste das Brautpaar über eine größere Barschaft und eine eigene Wohnung verfügen. Wer diese Faktoren alle erfüllt hatte und sich am Ort niederlassen und eine Familie gründen konnte, wollte kaum mehr auswandern, es sei denn, wirtschaftliche oder familiäre Ereignisse zwangen ihn zu diesem Schritt.

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Die Auswanderung der Gump‘schen Kinder zeigt deutlich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten auf, die nur mit der Auswanderung nach Amerika zu lösen geglaubt wurden. Am 7. Sept. 1851 starb der verwitwete Pferdehändler Isaak Gump in Hürben und hinterließ fünf unmündige Kinder.12 Der zum Massakurator bestellte Eisenhändler Joseph Raphael Landauer ermittelte Aktiv-Außenstände von ca. 16000 Gulden, wobei 2500 Gulden als uneinbringlich bezeichnet wurden. Die Summe der Passiv-Forderungen belief sich aber auf ca. 21500 Gulden, worunter sich jedoch 6854 Gulden Erb- und Ausstattungsansprüche der Kinder befanden.13 So musste das meiste an Gegenständen und Pferden verkauft werden. Das halbe Wohnhaus Nr. 164 (heute Heinrich-Sinz-Str. 24) konnte in einer gütlichen Auseinandersetzung am 20. Febr. 1852 den Kindern in Erbgemeinschaft erhalten bleiben. Das wurde dann 1857 um 820 Gulden verkauft.14 Schon kurz nach dem Tode des Vaters haben sich die 20jährige Jette und der erst 15 Jahre alte Mathias entschlossen, nach Amerika auszuwandern. In Baltimore, wo auch sie sich ansiedeln wollten, lebten schon seit einigen Jahren eine Schwester und ein Bruder ihres Vaters. Nachdem die Familien des Kaufmanns Simon Gump und die der Tante Sara Floß, geb. Gump, sich bereit erklärten, die beiden willkommen zu heißen, stellten sie am 7. Mai 1852 den Antrag zur Ausstellung eines Reisepasses mit der Absicht, nach Nordamerika auszuwandern. Das Landgericht verlangte auch die Briefe der Verwandten aus Baltimore, um das Einverständnis der beiden Familien zu den Akten nehmen zu können. Dies war aber mit der Schwierigkeit verbunden, dass diese Briefe vom hiesigen Rabbiner als Amtsperson erst aus dem Hebräischen in die deutsche Sprache übertragen werden mussten. Neben der Bereitschaft, die beiden Kinder in ihre Familien aufzunehmen und der tröstenden Worte zum Tode des Vaters, gaben sie auch genaue Anweisungen, wie die beiden Kinder nach Amerika auswandern sollten. Die Maßgabe, dass sie den Überfahrtskontrakt erst in Le Havre schließen sollten, konnte nicht entsprochen werden, da zur Ausstellung des Reisepasses ein Vorvertrag mit einem zugelassenen Agenten eines Schifffahrtunternehmens geschlossen werden musste. Der Onkel gab ihnen auch den Rat, das deutsche Geld, das nicht zur Überfahrt benötigt wird, lieber hier zu lassen, „denn es hat in Nordamerika keinen großen Wert“. Fast beschwörend schreiben die Verwandten, dass sie sich auf dem Schiffe tugendhaft verhalten sollen, denn dort hätten die Wände Ohren, und dass sie sich nicht betrügen lassen sollen. Den zurückbleibenden Kindern machten sie die Hoffnung, später ebenfalls nach Amerika kommen zu können. Auch die beiden Vormünder hatten keine Einwände gegen die Auswanderung der beiden Gump‘schen Kinder einzubringen. Da nach der 14tägigen Aushangpflicht, der Bekanntmachung im Krumbacher Wochenblatt und dem Bayerischen Amtsblatt keine Ansprüche an die beiden gemeldet wurden, konnte das Visa beim amerikanischen Konsul beantragt werden. Am 16. Juni mußten die beiden zum Agenten nach Mannheim kommen, um dort ihren Überfahrts-Akkord mit dem Dampfschiff zu unterzeichnen.15

Bereits zwei Jahre später beantragten die Schwestern Vögele, 20 Jahre alt, und die erst 11-jährige Chaja (Karoline) die Auswanderung zu ihren Geschwistern Mathias und Jette, zweitere bereits verheiratet. Doch dieser Antrag ging nicht so reibungslos über die Bühne. Der Vormund musste die beiden über das Risiko ihres Unterfangens belehren und sie auf die Gefahren in der neuen Heimat hinweisen. Das war das geringere Übel, die beiden ließen sich dadurch nicht umstimmen, jedoch bei der Ausschreibung ihrer Auswanderabsicht erhob ein Hürbener Landwirt Einspruch. Er will dem Isaak Gump im Jahre 1850 den Betrag von 200 Gulden geliehen, aus Unwissenheit der wirtschaftlichen Lage aber keinen Beleg verlangt haben, und er hätte diesen Betrag der damals I6-jährigen Tochter Vögele ausgehändigt. Der Vormund Süßkind Guggenheimer brachte vor, dass schon bei der Verlassenschaft des Isaak Gump diese Schuld nicht angerechnet werden konnte, und dass die Kinder nicht für die Schuld ihres Vaters haftbar gemacht werden könnten. Diesem Urteil schloss sich auch das Landgericht an, und so stand der Auswanderung auch finanziell nichts mehr im Wege. Hätten diese 200 Gulden bezahlt werden müssen, so wäre die Auswanderung in Frage gestellt gewesen.16

Auszüge: Krumbacher Bote und Neueste Münchner NachrichtenWiederum zwei Jahre später wanderte die letzte Tochter des Pferdehändlers Isaak Gump aus, denn in ihrem jetzigen Vaterlande sah sie kein Auskommen mehr. Ihr Vermögen war auch nicht so groß, dass sie sich hier damit hätte verheiraten können. Die Haushälfte, die die 5 Kinder geerbt hatten, wurde um 820 Gulden verkauft, und so konnte sie von ihrem Anteil die Überfahrt und alles was zur Auswanderung gebraucht wurde, bezahlen.17

Baltimore war auch das Einwanderziel der 5 Kinder von Benedikt Gump (ein entfernter Verwandter von Isaak Gump), die zwischen 1847 und 1853 ausgewandert sind.

Es fällt bei den jüdischen Auswandern auf, dass die Mitglieder einer Sippe meist sich am gleichen Ort angesiedelt hatten. So war der Zielort für die meisten der Guggenheimers Lynchburg im Staate Virginia. Zu den ersten jüdischen Auswanderern zählte auch Salomon Guggenheimer, der 1837 seine Heimat verlassen hatte und sich in Lynchburg niederließ. Er suchte nicht in Amerika nach einer Frau, sondern holte sich seine Lebenspartnerin aus der alten Heimat Hürben. So heiratete er nach bayerischem Recht im Juli 1847 die ledige Therese Landauer, nachdem der nordamerikanische Konsul Karl Obermayer aus Augsburg beurkundete, dass er seit 23. Dez. 1846 das amerikanische Bürgerrecht besitzt und ihm die Verheiratung im Ausland genehmigte. So konnte er ohne größere Schwierigkeiten heiraten und seine Ehefrau, die mit der Heirat ebenfalls das amerikanische Bürgerrecht übernahm, nach Lynchburg einwandern.18 Schon im Jahre 1840 folgte ihm sein 23-jähriger Bruder Nathaniel dorthin, und 1846 wanderte der gerade 20 Jahre alte Bruder Samuel ebenfalls nach Lynchburg aus. Nathaniel besuchte 1853, bereits amerikanischer Staatsbürger, seinen Geburtsort Hürben und suchte sich wie sein Bruder Salomon hier eine Frau. Er fand sie in der ledigen Cilli Guggenheimer, der Tochter seines Vetters. Er musste sich ebenso vom nordamerikanischen Konsul Karl Obermayer aus Augsburg die amerikanische Staatsbürgerschaft bestätigen lassen. Danach stand der Heirat nichts mehr im Wege und er konnte mit seiner „amerikanischen“ Ehefrau wieder den Weg nach Lynchburg antreten.19 Interessant ist, dass eine Tochter aus dieser Ehe wiederum nach Hürben geheiratet hat.

1856 zog es den erst 14jährigen Max Guggenheimer ebenfalls nach Lynchburg. Es ist leider nicht bekannt zu wem, aber es ist anzunehmen, dass seine ältere Schwester Cilli, die mit Nathaniel verheiratet war, sich seiner angenommen hat. Von ihm gibt es keine Auswanderakte, aber es wird von ihm noch zu berichten sein.

Sophie Binswanger reichte 1858 das Auswanderungsgesuch ein, um zu ihrem Bruder nach Richmond im Staate Missouri übersiedeln zu dürfen. Sie war die Tochter des Hausierhändlers Jakob Binswanger, und so konnte die 26jährige zu keinem größeren Eigentum kommen. Sie verfügte nur über 200 Gulden, die für die Überfahrt und das Lebensnotwendige an Bord ausreichen mussten. Ihr wurde von der Königlichen Regierung in Augsburg die Ausreise genehmigt, obwohl sie keinen Schiffahrtsvertrag vorlegen konnte, da sie mit David Mühlhauser reisen wollte, der einen Besuch in Nordamerika plante und dafür natürlich keinen Kontrakt im Voraus abzuschließen brauchte. Die Ausreise war von Bremen oder Le Havre geplant, Sophie Binswanger bekam aber den Reisepass zur Ausreise über Hamburg. Ob sie dann mit David Mühlhauser die Reise antrat, lässt sich den Akten nicht mehr entnehmen.20

Der älteste jüdische Auswanderer war wohl Joachim Landauer. Nachdem Anfang des Jahres 1864 seine Frau Rosalia, Mutter von sieben noch lebenden Kindern, verstarb, stellte er noch im gleichen Jahr den Antrag, mit drei Kindern (Mathilde 23 Jahre alt, Samuel 15-jährig und Klara 13 Jahre alt) zu den drei bereits in Amerika befindlichen Kindern auswandern zu dürfen. Neben den üblichen Belehrungen und Hinweisen auf die Gefahren der Überfahrt musste sich der 58 Jahre alte Joachim Landauer einer ärztlichen Untersuchung unterziehen und musste weiter eine Belehrung, das gesundheitliche Risiko einer langen Überseereise in diesem Alter betreffend, über sich ergehen lassen. Der Amtsarzt konnte attestieren, dass Landauer gesund und mit keinem körperlichen Gebrechen behaftet sei. Die Wohnung (heute Hürbener Str. 13 im oberen Stock) hatte er bereits um 925 Gulden verkauft. Nach Begleichung seiner Schulden blieben ihm nur noch 300 Gülden, die ihm mit drei Kindern zum Leben in Hürben nicht gereicht hätten, aber auch für die Überfahrt nach Amerika zu wenig war. Verwandte stellten aber noch weitere 300 Gulden für die Auswanderung bereit. Dem l5jährigen Samuel wurde vom kgl. Landgerichtsarzt körperliche Schwäche attestiert, so dass er mit größter Wahrscheinlichkeit für den Militärdienst nicht geeignet sei. So konnte auch er mit der Familie den Reisepass beantragen. Die Gemeindeverwaltung und das kgl. Landgericht brachten keine Einwände vor, sie wussten genau, dass bei abgelehnter Auswanderung die Familie auf Almosen aus der Armenkasse angewiesen wäre. Die königliche Regierung unterzeichnete die Reisepässe und entließ die vier Auswanderer aus dem bayerischen Staatenverband.21

Interessant ist auch eine der wenigen jüdischen Familien, die den Weg in eine neue Heimat suchte. Der langjährige Lehrer an der jüdischen Elementarschule in Hürben. Heinrich Fischacher. war im Streit mit der jüdischen Kultusverwaltung aus dem Amt geschieden und hatte 1853 von Ichenhausen aus seine Auswanderung nach Nordamerika betrieben. Er führte als Grund an, dass er durch die Anstrengungen im Lehrerberuf sehr starke Brustschmerzen verspüre und der Arzt ihm geraten habe, durch einen Klimawechsel und die Aufgabe seines Berufes könnte eine Linderung des Leidens eintreten. Seine Frau Hanna, geb. Schwarz, Schwester des Rabbiners von Hürben, habe noch zwei Brüder in Nordamerika und diese würden ihn mit der Familie nach allen Kräften Deutsche Auswanderer auf dem Weg nach Amerika auf dem Schiff „Samuel Hop“unterstützen. Er stellte die Bitte, „mich von der Beschränkung der Beibringung eines Schiffsakkordes mit einem im Kreise conzessionierten Agenten ausnahmsweise zu entbinden“. Im zuständigen Kreis waren Agenten für Segelschiffe und nicht für Dampfschiffe aufgestellt, er aber wolle aus Rücksicht auf seine Familie, vor allem auf die drei Kinder Helene, Isabella und Max, die im Alter von sechs, eindreiviertel Jahren und sieben Monate waren, die kürzere Überfahrt mit dem Dampfschiff wählen. Dazu müsse er sich in Liverpool einschiffen, und eine Fahrt über den Kanal bei den Herbststürmen könne er als Lehrer und Familienvater weder seiner Frau noch den Kindern zumuten. Darum bat er um die schnelle Entlassung aus dem Lehrerberuf und die Entlassung der Familie aus dem bayerischen Staatenverband. Hajum Schwarz, Rabbiner von Hürben, stellte sich als Bürge zur Verfügung. Wann die Überfahrt erfolgte und zu welchem der beiden Brüder die Reise ging, nach Newark oder Milwaukee, lässt sich den Akten leider nicht entnehmen.22

(Bildquelle: Wikipedia)

3. Schwierigkeiten, die eine Auswanderung verhinderten oder sehr erschwerten

Bei Mädchen und jungen Frauen verliefen die Auswanderungen reibungsloser als bei den männlichen Auswanderern. Sie hatten sich neben den üblichen Belehrungen noch über die negativen Auswirkungen einer unerlaubten Verehelichung im Auslande aufklären lassen müssen. Die Männer hatten nicht nur mehr Einsprüche gegen ihre Auswanderung zu befriedigen, die Auswanderung hätte an Forderungen von weniger als einem Gulden scheitern können, sondern hatten auch wegen der Militärpflichtigkeit, die schon mit 15 Jahren begann, große Schwierigkeiten mit den Behörden.

So wurde 1847 dem 19-jährigen Schneidergesellen Samuel Guggenheimer die Auswanderung nach Lynchburg zu seinem Bruder nicht gestattet, obwohl er nur auf Zeit die Geschäfte seines Bruders, während dessen Europareise, führen sollte, da er den Militärdienst noch nicht abgeleistet hatte. Er hätte eine Sicherheitskaution stellen müssen, was ihm aber nicht möglich war, da sein Barvermögen von 150 Gulden gerade für die Überfahrt reichte.23

Ähnlich erging es auch dem noch 14-jährigen Moses Landauer, der im Juni 1859 seine Auswanderung nach Nordamerika beantragte. Er wollte sich in Brooklyn bei seiner Schwester, die mit Abraham Levi verheiratet war, niederlassen. Sein Antrag wurde erst über einen Monat später bearbeitet, so dass Moses Landauer das 14te Lebensjahr überschritten hatte und sich im militärpflichtigen Alter befand. Weiter wurde das ärztliche Attest, das ihm große körperliche Gebrechen, außerdem Plattfüße und einen zu großen Kopf, bescheinigte, in Zweifel gezogen und auf das knabenhafte Alter verwiesen. In den 5 Jahren, bis er den Militärdienst antreten müsste, könnten sich diese Gebrechen zum Positiven verändern. Sollte Moses Landauer trotzdem auswandern wollen, müsste er eine Kaution von 1500 Gulden hinterlegen, was einem Verbot gleichkam, denn diese Summe konnte wohl keiner der Auswanderungswilligen bereitstellen.24

Das Auswanderungsvorhaben des Leopold Landauer wurde aus ganz anderen Gründen abgelehnt. Der erste Grund war ein Formfehler. Der zwar in München wohnende, aber immer noch in Hürben beheimatete Leopold hätte seinen Antrag im Jahre 1858 am Heimatort, und nicht am Wohnort, stellen müssen. Der schwerwiegendere Grund war aber die hohe Verschuldung. Die königliche Polizeibehörde von München schreibt: „Der verheiratete Handlungscommis aus Hürben hat 1854 nach dem Tode seines Bruders Samuel, nach Auftrag des Stadtgerichts München, den Ausverkauf des Warenlagers übernommen. Er hat den Erlös aus diesem Verkauf aber nicht der Verlassenschaft zugeführt und so wahrscheinlich zur späteren Gant über diese Verlassenschaft beigetragen. Gegen Leopold Landauer und noch drei weitere Beteiligte läuft eine Klage über 67000 Gulden“. Voraussetzung für eine Auswanderung sei entweder die Einstellung des Prozesses durch Vergleich, oder dass er durch ein richterliches Urteil beigelegt werde.25

Mit ganz anderen Problemen hatte Fanny Landauer, die Tochter des Fabrikanten Moses Samuel Landauer, zu kämpfen. 1862 heiratete ihre älteste Schwester Jeanette in Fürth David Hirschmann, den Sohn des Textilgroßhändlers Jakob Hischmann. Zu dieser Hochzeit kam auch der 1853 nach Binghamton (Nordamerika) ausgewanderte Friedrich, Bruder des Bräutgams. Als dieser 1867 eine Geschäftsreise nach Europa unternahm, verbrachte er auch einige Tage bei der Familie Landauer in Hürben. Hierbei verliebten sich die beiden jungen Leute ineinander, und wenige Tage nach der Abreise von Friedrich Hirschmann nach Fürth gab Fanny Landauer ihre Bereitschaft zur Verlobung bekannt. Doch nun begannen die großen Probleme, denn der Vater Moses S. Landauer verweigerte der Tochter die Übersiedlung nach Nordamerika, und Friedrich war durch die Geschäfte noch für mehrere Jahre dort gebunden. Die starre Haltung von M.S. Landauer dürfte zwei Gründe gehabt haben. Die Tageszeitungen in dieser Zeit warnten immer häufiger vor einer Auswanderung nach Amerika, besonders wohlhabende Familienväter bereuten es immer wieder, nach Amerika gegangen zu sein. „Diesen sollte man raten, die Reise erst allein zu machen - nur wenige würden ihre Familie nachkommen lassen.“ Die Familie Landauer konnte sicher zu den Wohlhabenden gezählt werden. Außerdem musste ihm als gläubigem Jude, der viele Jahre in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde Hürben tätig war und am Sabbat und den Feiertagen das Amt als Vorbeter und Vorsänger in der Synagoge wahrnahm, das liberale Judentum in Amerika ein Dorn im Auge sein. So musste Friedrich Hirschmann am 17. September 1867 die Rückreise nach Amerika auf dem Schiff „City of Boston“ von Liverpool aus ohne Fanny antreten. Es blieben ihnen nur die zahlreichen Briefe, die den Ozean in beiden Richtungen überquerten. Unweigerlich erinnert man sich an das Lied der beiden Königskinder, die einander so lieb hatten. Den erhaltenen Briefen, die Friedrich schrieb, kann man entnehmen, welche Route er zur Rückfahrt wählte, wie das Leben auf dem Schiff aussah und wie sich das Leben in Amerika für einen wohlhabenden Auswanderer abspielte.

Die beiden Familien konnten sich über das spätere Leben des Liebespaares einfach nicht einigen, vor allem die Frage nach dem Wohnort nach der Hochzeit verhinderte immer wieder eine baldige Heirat. Im März 1868 wurde ein guter Bekannter beider Familien mit der Vermittlung beauftragt, und er handelte einen Kompromiss aus, der folgendermaßen aussah: Um den religiösen Wünschen der Familie Landauer Rechnung zu tragen, sollte in Fürth geheiratet werden. Nach der Heirat würden die Brautleute für einige Jahre in Nordamerika leben, um sich dann endgültig nach Friedrichs Ausstieg aus dem Geschäft mit seinem Bruder in Deutschland niederzulassen. Dieser Vergleich wurde von beiden Familien akzeptiert, und so konnte am 25. Juni 1868 der Fürther Stadtmagistrat dem amerikanischen Bürger Friedrich Hirschmann und der Fanny Landauer aus Hürben die Heirat genehmigen, die dann am 5. Juli stattfand. Im Sommer 1872 machte die junge Familie ihr Versprechen wahr und siedelte sich wieder in Fürth an, wo Friedrich Hirschmann mit S. Kitzinger eine Privatbank gründete. Weiter wurde er Konsulatagent der Vereinigten Staaten Nordamerikas in Fürth.26

So spiegelt diese Familie alle Phasen einer Auswanderung wider: die Probleme der Auswanderung, die glückliche Vereinigung des Liebespaares, das erfolgreiche Wirken in Amerika und die glückliche, wenn auch erzwungene Rückwanderung nach Deutschland.

4. Die nicht genehmigten Auswanderungen.

Es gab immer wieder Auswanderungswillige, die mit der Ablehnung ihres Auswandungsgesuches durch die Königliche Regierung noch lange nicht ihr Vorhaben aufgaben. Zwar ist die Aktenlage über diese Fälle sehr dünn, aber durch Zufall kann man manche illegale Auswanderung nachvollziehen. Hat ein Jugendlicher das 15. Lebensjahr erreicht, sich weder einen Ersatzmann für den Militärdienst noch die Bereitstellung einer Kaution von 750 - 850 Gulden leisten konnte, so hat er am besten gleich auf den Auswanderungsantrag verzichtet, es sei denn seine körperlichen Gebrechen waren so eindeutig, daß der Militärdienst nie in Frage kam. Die bayerische Regierung versuchte, die als „Auswanderung getarnte Fahnenflucht“ durch diese Maßnahmen zu verhindern. Die meisten Flüchtigen versuchten bei Lindau illegal über die schweizerische Grenze zu kommen, dann weiter nach Frankreich. Über Württemberg war dies nicht möglich, da ein Reichshilfeabkommen zwischen den beiden Ländern bestand und Auswanderer, die sich dort nicht legal als solche ausweisen konnten, wurden umgehend nach Bayern zurück geschickt.

Am 26. Juli 1847 prangert die Kgl. Regierung von Schwaben und Neuburg an, dass „ledige junge Leute beiderlei Geschlechts, ohne sich durch Pässe über die Erlaubnis zur Auswanderung nach Nordamerika ausweisen zu können, die Visierung ihrer Dienstboten- oder Wanderbücher mit der unverholen ausgesprochenen Absicht ihrer Auswanderung nachgesucht haben“. Am 11. August 1848 machte sich der Kupferschmied David Gump auf Wanderschaft innerhalb des bayerischen Staaten Verbandes. Der am 8. Mai 1831 geborene Wanderbursche lief 36 Orte an, ohne irgendwo Arbeit zu finden. Entmutigt trat er am 10. Januar 1849 von Augsburg aus die Heimreise an und blieb bis zum 24. Mai 1850 in seinem Heimatort. Dann steht in seinem Wanderbuch, bestätigt von der Gemeinde Hürben, dass er Ludwigshafen eine Arbeitsstelle gefunden habe. So konnte er getrost über Württembergisches Gebiet reisen, denn er hatte die Legimation bis nach Ludwigshafen. Die nächste Eintragung in seinem Wanderbuch stammte schon aus New York vom 15. Juni 1850.27

Der zwar auswärts wohnende, aber immer noch in Hürben beheimatete Jakob Lippschütz ist 1850 mit seiner Familie nach Amerika flüchtig gegangen. Der Grund dürfte wohl Überschuldung gewesen sein. Über sein Vermögen wurde die Gant ausgerufen, und selbst sein Erbteil an dem Wohnhaus Nr. 192 (heute Karl- Mantel- Str. 54) musste versteigert werden. Es bestand aus einem Drittel Anteil der Wohnung im Erdgeschoß, mit Anteilen am Keller, Dachboden und Wagenremise. Der Besitzer der anderen Hausteile kaufte dann seinen Anteil.28

Jakob Mandel von Wittelshofen bei Dinkelsbühl wurde 1845 zum Religionslehrer und Vorsänger in Hürben gewählt. Die Wahl war zwar mit großen Problemen behaftet, denn es wurde wegen Bestechungen und Versprechungen für einen anderen Kandidaten ein zweiter Wahlgang nötig. Dennoch war er bei den Schülern sehr beliebt. Es gibt keine Auswanderungsakte, aber 1854 stellte er von Amerika aus die Vermögensübertragung in seine neue Heimat, was darauf schließen lässt, dass er nicht über die offizielle Auswanderungserlaubis verfügte. Dieses Gesuch beschäftigte die Behörden über mehrere Jahre, obwohl er ja schon aus dem militärpflichtigen Alter war.29

5. Was ist aus den jüdischen Auswanderern geworden?

Von den meisten Auswanderern nach Amerika ist die Auswanderakte das letzte Lebenszeichen. Eventuelle Briefe in die Heimat sind häufig mit der Zeit verlorengegangen oder sind, gerade bei den jüdischen Übersiedlern, in den Wirren des 3. Reiches vernichtet worden. Viele Auswanderer haben sich in der neuen Heimat verschlechtert, und das wollten sie ihren Angehörigen nicht gerade berichten. Ungefähr ein Drittel hat sich nicht verschlechtert, aber auch nicht verbessert, und nur ein kleiner Prozentsatz zog mit der Auswanderung das große Los. Von diesen Glücklichen kann noch in der Literatur oder sogar in der ehemaligen Heimatzeitung gelesen werden, wenn sie etwas Besonderes geleistet haben. Von den jüdischen Auswanderern aus Hürben gibt es von einigen Positives zu berichten.

Ankunft im Hafen von New YorkHeinrich Muhr, Uhrmachermeister aus Hürben, wanderte als 38-jähriger mit seiner Familie, Frau und drei Kindern, 1853 nach Philadelphia aus. Er gründete dort ein Uhrengeschäft, das er in den folgenden Jahren zum größten Uhren- und Juwelengeschäft Amerikas ausbaute. Bereits nach 20 Jahren konnte er den Handelspalast in Philadelphia und die zahlreichen Filialen seinen Söhnen übergeben und sich ins Privatleben zurückziehen.30 Simon, der älteste Sohn, kam im Alter von acht Jahren nach Amerika, besuchte dort die Schule und stieg dann in das Geschäft des Vaters ein. Er war fast noch erfolgreicher als der Geschäftsgründer, denn er verlegte sein Hauptaugenmerk auf den Diamantenhandel. Doch nicht nur beruflich machte sich Simon Muhr einen Namen, auch in den Vereinen wurde er als Menschenfreund bezeichnet, besonders als er 1880, zur Zeit der großen Einwanderungswelle russischer Juden in Amerika, für die Eingliederung in ganz Amerika die „Jewish Alliance of Amerika“ gründete und gleichzeitig erster Präsident wurde. Leider überlebte diese Organisation nicht sehr lange, er wurde danach Schatzmeister bei der „Gesellschaft für jüdische Flüchtlinge“. Die größte Ehre wurde ihm aber 1891 zuteil, denn er wurde als Repräsentant des Staates Pennsylvania für die Weltausstellung nach Chicago berufen. Als Heinrich Muhr am 21. November 1892 starb, erschien sogar im „Krumbacher Bote“ ein Nachruf auf den Verstorbenen und sein Lebenswerk wurde ehrend erwähnt. Nur wenige Jahre nach dem Tode seines Vaters starb auch Simon Muhr in Philadelphia. In seinem Testament verfügte er eine Stiftung für Stipendien an begabte High-School-Abgänger. Weiter setzte er einen großen Teil seines beträchtlichen Vermögens für wohltätige Zwecke an jüdischen und nichtjüdischen Bürgern von Philadelphia ein. Eine großzügige Spende ermöglichte auch die Einführung bzw. Regelung des öffentlichen Schulsystems in seiner Heimatstadt.31

(Bildquelle: www.ahnenforschung-rolf-schreglmann.de)

Der bereits erwähnte Max Guggenheimer, der im Alter von 14 Jahren nach Lynchburg auswanderte, kann ebenfalls unter den großen Einwanderern gefunden werden. Er baute nach seiner Ausbildung eine der größten Trockenwarenfirmen in Virginia. Doch nicht nur auf wirtschaftlichem Sektor, sondern auch im öffentlichen Leben hatte er große Erfolge.32

Babette Guggenheimer heiratete den in Gleisdorf, vorher mehrere Jahre in Hürben lebenden Lazarus Morgenthau, dessen Mutter ebenfalls aus Hürben stammte. Von Mannheim aus verlagerte die Familie ihren Wohnort nach Nordamerika, wo Lazarus Morgenthau, der gelernter Schneider war, als Zigarrenfabrikant mit einer Besonderheit, der Zigarre mit Fichtennadelgeschmack, großen Ruhm und Reichtum erreichte. Doch der Sohn Heinrich (Henry) übertraf ihn noch an Berühmtheit, denn er wurde 1913 zum amerikanischen Botschafter in Konstantinopel berufen.33 Wiederum dessen Sohn, Henry Morgenthau jun., ist in Deutschland in unangenehmer Erinnerung, denn von ihm stammte der nach dem 2.Weltkrieg berühmt berüchtigte Morgenthau-Plan, nach dem in Deutschland jegliche Industrie verboten gewesen und der Verlierer des Krieges in einen reinen Agrarstaat umfunktioniert worden wäre.34

Einer der wenigen, die in ihre alte Heimat zurückkehrten, war der ledige Salomon Gump. Er wanderte 1846 nach Nordamerika aus, starb aber am 6. August 1873 in Hürben und wurde auch hier begraben. Ob es sich um einen Besuch in der alten Heimat oder eine beabsichtigte Rückkehr handelte, ist leider nicht bekannt. Wie lange sich der 69-jährige Salomon Gump schon in Hürben aufhielt, ist ebenfalls unbekannt.35

6. Schlussbetrachtung:

Es konnte hier nur ein geringer Teil der jüdischen Auswanderer von Hürben nach Nordamerika aufgeführt werden, selbst wenn man berücksichtigt, dass die jüdische Gemeinde 1839 noch über 576 Mitglieder verfügte und im Jahre der Emanzipation 1871 auf 332 geschrumpft war. Allerdings sind davon nicht alle nach Nordamerika ausgewandert, sondern viele auch innerhalb Europas umgesiedelt. Wie schon in der Einleitung bemerkt, sind wenig Kontakte zwischen den Auswanderern und den in der Heimat Verbliebenen bekannt. Das mag aber auch an der Vertreibung der Juden im 3. Reich und der Vernichtung der Privatsphäre liegen. Wie wichtig die Kontaktpflege mit den Ausgewanderten und ihren Nachfahren aber war, sollte sich rund 100 Jahre später zeigen, denn wer in den schlimmen Jahren der Nazi-Herrschaft Deutschland verlassen wollte, der musste in USA einen Bürgen finden, der auch für ihn eine Sicherheitssumme hinterlegte. Die Ausführung von deutschem Kapital war nicht mehr möglich. Jeder Auswanderer durfte nur noch zehn RM mitnehmen.

Anmerkungen

  1. Vogt Ernst; Kampf um Krumbach 1796 - 1806
    Krumbach 1933; Seite 90 f
  2. Miedel, Dr. Julius; Die Juden in Memmingen
    Memmingen 1909; Seite 84
  3. Königl. bayerisches Regierungsblatt 1809
    Spalte 898 und 903
  4. Miedel, Dr. Julius: Die Juden in Memmingen
    Memmingen 1909; Seite 85
  5. Schwarz, Stefan; Die Juden in Bayern im Wandel der Zeiten
    München 1963; Seite 211 f
  6. Hetz- u. Spottruf gegen die Juden bei den antisemitischen Unruhen des Jahres 1819. Die mögliche Erklärung ist die Zusammenstellung der Anfangsbuchstaben „Hierosolyma est perdita“ (Jerusalem ist verloren).
  7. Schwarz. Stefan; Seite 214 ff
  8. StAA (Staatsarchiv Augsburg): BA Krumbach
    XXIII Staatsrechtliche Angelegenheiten (Ein- u. Auswanderungen: Nr. 3186)
  9. StAA; BA Krumbach; Nr-3233
  10. Abschrift des Briefes 1902 an den Rabbiner Dr. Cohn in Ichenhausen. Heute im Privatbesitz von H. Chaim Schwarz in Israel.
  11. Statistische Auswertung der Computerliste über die Auswanderungen aus dem Bezirksamt Krumbach des Lehrstuhls für bayerische und schwäbische Landesgeschichte an der Uni Augsburg
  12. Civilstandesregister der jüd. Kultusgemeinde Hürben STAA;
    BA Krumbach: Nr. 25
  13. Wochenblatt für Krumbach und Umgebung. März 1852
  14. Steuerkataster Gemarkung Hürben im Staatsarchiv Augsburg
  15. STAA; BA Krumbach; Auswanderakte Nr. 3289
  16. STAA; BA Krumbach; Auswanderakte Nr. 3357
  17. STAA; BA Krumbach; Auswanderakte Nr. 3415
  18. STAA; BA Krumbach; Auswanderakte Nr. 2829
  19. STAA; BA Krumbach; Auswanderakte Nr. 3317
  20. STAA; BA Krumbach; Auswanderakte Nr. 3447
  21. STAA; BA Krumbach; Auswanderakte Nr. 3496
  22. STAA; BA Günzburg; Akt Nr. LGaO 49
  23. STAA; BA Krumbach; Auswanderakte Nr. 3233
  24. STAA; BA Krumbach; Auswanderakte Nr. 3458
  25. STAA; BA Krumbach; Auswanderakte Nr. 3446
  26. Sponsel, Udo und Steiner, Helmut: Eine transatlantische Liebe im 19. Jahrhundert in Fürther Heimatblätter, 43. Jahrgang 1993 Nr. 2
  27. Wanderbuch von David Gump; Privatbesitz von Mr. Alan M. Gump,
    Johnson City, USA
  28. Intelligenz-Buch der Königlichen Regierung von Schwaben und
    Neuburg, 20.11.1850
  29. STAA; BA Krumbach; Auswanderakte Nr. 3409
  30. Krumbacher Bote 10.12.1892
  31. The Jewish Encyclopedia; 1907, Folge 9, Seite 104
  32. Wust, Klaus; The Virginia Germans, Virginia 1969, Seite 241
  33. Krumbacher Bote, 30. August u. 4. September 1913
  34. Schoeps Julius H. Neues Lexikon des Judentums: Seite 325
  35. Civilstandesregister der jüd. Kultusgemeinde Hürben; STAA;
    BA Krumbach Nr. 25;
    Grabstein auf dem isr. Friedhof Krumbach

Bildquellen

  1. http://www.hamburg.de/image/240604/
  2. http://upload.wikimedia.org/wikipedia/
  3. Digitaler Scan des Heimatvereines von Vorlage
  4. http://upload.wikimedia.org/wikipedia/
  5. http://www.ahnenforschung-rolf-schreglmann.de

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